Wer das Dartmoor im Süden Englands betritt, erlebt eine Weite, die alles Gewohnte in den Schatten stellt. Sanft geschwungene Hügel, auf denen freilebende Ponys grasen, weite Moorflächen, schroffe Granitformationen, die wie Wächter in der Landschaft stehen und geheimnisvolle Nebel schaffen eine Atmosphäre, die archaisch und zeitlos zugleich wirkt. Es ist, als öffne sich der Horizont in alle Richtungen und die Seele beginnt, sich auszudehnen – bis hinein in kosmische Dimensionen.
Das Tor in eine archaisch-magische Wahrnehmung
Pascal Zielke
Doch das Dartmoor ist mehr als eine schöne Naturkulisse. Es ist ein uraltes Land, das noch immer von der innigen Verbundenheit des Menschen mit Erde und Kosmos kündet. In diesem Hochland begegnen wir den zahllosen Relikten aus megalithischer Zeit. Über 2000 Steinkreise, Menhire, Steinreihen, Kultplätze und prähistorische Wege sind bekannt – mehr als in jedem anderen Teil Englands. Unsere Vorfahren errichteten ganze Zeremoniallandschaften, deren eindrückliche Zeugnisse sich u.a. bei Grimspound, Drizzlecombe und Merrivale finden. Das gesamte Dartmoor-Areal – rund 1.000 Quadratkilometer Fläche des heutigen Nationalparks – kann man als eine „sakrale Tempelanlage“ unserer Ahnen bezeichnen.
Doch warum hier? Was macht das Heilige in dieser Landschaft aus?

Die Tors – Bizarre Felsen aus Granit
Geprägt ist das Dartmoor durch ein Granitplateau, das sich etwa 600 Meter über dem Meeresspiegel erhebt. Dieses uralte Gestein hebt sich deutlich vom sonstigen Untergrund Südenglands ab, der vorwiegend aus weicheren Sedimenten wie Kalkstein, Schiefer oder Sandstein besteht. Der Granit des Dartmoor hingegen stammt aus tiefen magmatischen Prozessen: Vor rund 280 Millionen Jahren kristallisierte er als Teil eines gewaltigen Plutons im Erdinneren aus und widerstand in den Jahrmillionen der Erosion weit besser als die ihn umgebenden Gesteine. Während Kalk- und Schieferschichten verwitterten und abgetragen wurden, blieb der harte Granit stehen – als massives Hochland, das bis heute die Landschaft dominiert.
Die bizarren Felsformationen der „Tors“ sind dabei das sichtbare Resultat eines langen Spiels von Hebung, Abtragung und Verwitterung. Sie machen das Dartmoor nicht nur geologisch einzigartig, sondern geben der Landschaft auch ihre charakteristische Atmosphäre. Die Tors ragen wie Wächter aus dem Land, häufig mit alten Kultstätten (z.B. Schalensteinen) gekrönt. Unterbrochen wird die weite Ebene von Flüssen, die sich tief in das Plateau eingeschnitten haben.
Der Blick in die Landschaft verrät die Mächtigkeit der Tors. Sie bilden die einzigen Fokuspunkte in einer Landschaft, die sich gefühlt ins Unendliche ausdehnt. Von ihnen geht eine besondere Kraft aus: sie bilden die Haltekraft in einer haltlosen Weite.
Der vorzeitliche Mensch sah die Landschaft nicht getrennt von ihm. Alles war durchdrungen von Geist, die Tors und Flüsse waren selbst heilige Wesen, welche durch Mythen und Rituale lebendig gehalten wurden. Was wir als „bloße Felsen“ sehen, war früher Teil einer gewaltigen kosmologischen Ordnung. Dies erklärt auch, warum die Tors in die Ausrichtungen aller megalithischen Bauten im Dartmoor mit einbezogen wurden. Indem die Menschen sie in Steinsetzungen, Menhire und Kultplätze einbezogen, schufen sie eine sakrale Topographie, in der sich ihre spirituelle Weltsicht materialisierte.

Ahnenräume und Hüterkräfte
Wer auf einem Tor steht, kann das Gefühl haben, dass Landschaft und eigenes Sein ineinander übergehen. Wer an einem der unzähligen Steinkreise oder -reihen steht, spürt vielleicht die Nähe des Jenseitigen – nicht als bedrohliches Ende, sondern als eine kosmisch-durchdrungene Hüterkraft in der Landschaft. Wer sich auf das Dartmoor einlässt, erfährt, wie eine Landschaft den Menschen unterweisen und lehren kann.
Nirgends wird dies deutlicher als in dem Komplex namens Merrivale. Wir finden hier eine Vielzahl an Monumenten unterschiedlicher Zeitstufen und Funktionen: Steinreihen, Steinkreise, Menhire, Cairns (Grabhügel), Cists (Steingruben), Reaves (mysteriöse Feldbegrenzungen) und Siedlungsreste. Es handelt sich also nicht um ein einzelnes Heiligtum, sondern um eine ganze zeremonielle Ortschaft.
Die Anlage verband das Reich der Lebenden und der Toten: Siedlungsbereiche lagen in unmittelbarer Nähe zu Bestattungsmonumenten. Die Steinreihen offenbaren „liminale Räume“, Übergänge zwischen den Welten. Das Gehen durch die Reihen mutet wie eine rituelle Handlung an, die analog den Weg der Seele nachzeichnet und auf das Leben nach dem Tod vorbereiten konnte. Der Fluss seitlich und am Fuße der Anlage wurde ganz klar einbezogen und spielte vermutlich eine Rolle als Symbol des Lebens und des Übergangs.
Die Steinreihen sind wie alle megalithischen Bauten genauestens ausgerichtet. Von hier aus lassen sich besondere Sonnenuntergänge und -aufgänge beobachten, vor allem an den Sonnenwenden und Äquinoktien, sowie zur großen Mondwende. In der Dämmerung die Steinreihen zu durchwandern ist ein besonderes Erlebnis, da man dem Sonnenuntergang entgegen läuft – den Gang in die Unterwelt beschreitet.
Das Durchwandern von Merrivale ist ein zutiefst symbolischer Akt – man folgt buchstäblich den Schritten der Ahnen. Die Monumente wurden bewusst in Beziehung zu den umgebenden Tors gesetzt, so dass ein Netz aus Landschaftsbezügen und Himmelsausrichtungen entstand.
Merrivale, so wie das ganze Dartmoor, zeigt, dass in der prähistorischen Vorstellung die Ahnen immer präsent waren: sie wirkten von den Cairns auf den Höhen, von den Tors im Hintergrund und von den Steinreihen, die ihnen den Weg ins Jenseits bahnten.

Die Seele der Landschaft erfahren
Als ich zum ersten Mal eher zufällig ins Dartmoor kam, erwachte in mir ein tiefes Gefühl, welches ich nur mit dem Wort „Zuhause“ beschreiben konnte. Dabei waren es nicht nur die gewaltigen Tors und die beeindruckenden Relikte der Vorzeit, die mich in ihren Bann zogen, sondern vor allem die unglaubliche Weite dieser Landschaft selbst. Ein Großteil des Moores ist bis heute echte Wildnis, weitgehend unberührt von menschlicher Zivilisation. Hier kann sich die anima loci, die Seele des Ortes, unmittelbarer zeigen als an vielen anderen Plätzen Europas. Sie eröffnet mir ein seelisches Feld, das mich in eine ungewohnte Form der Wahrnehmung hineinführt – eine, die ich als archaisch-magisch bezeichnen würde.
Es ist die Wahrnehmung unserer Ahnen, die in uns allen noch nachklingt. Die frühen Völker des Dartmoor lebten eingebettet in eine Weite, die gleichermaßen von den Formen der Landschaft wie von den Rhythmen der Gestirne geprägt war. Dies bestimmte ihr gesamtes Dasein – religiös und weltlich zugleich, wobei diese Trennung in jener Zeit noch gar nicht existierte. Die Reste ihrer Siedlungen, oft in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kultplätzen, bezeugen, wie sehr Wohnen, Alltag und Ritual ein einziges Ganzes bildeten.
Das Dartmoor erinnert daran, dass Bewusstsein “landschaftsausfüllend” sein kann. Wenn ich mich durch diese Weite bewege, erfahre ich unmittelbar eine innere Entgrenzung. Es ist nicht nur ein Ausdehnen nach vorne und hinten, sondern ebenso nach oben zu den Sternen und nach unten in die Erde hinein. Ich spüre am eigenen Leibe, wie kosmische Bewegungen und irdische Kräfte ineinandergreifen, wie Himmel und Erde einen Tanz in meiner Seele abbilden.
Im Idealfall gelingt es mir, etwas von dieser Weite in mir zu verankern und in meinen Alltag zu tragen. Das Dartmoor wird so zu einer Lehrerin, die mir und allen anderen Besuchern einen Schlüssel anbietet: zur Erweiterung unseres Bewusstseins, zum Erinnern unserer eigenen Herkunft und zu einer Rückbindung an den Kosmos.
Quellen:
Knight, Peter: Dartmoor Mindscapes – Re-Visioning a Sacred Landscape, Wiltshire 2016
Lethbridge, William D.: Discover Prehistoric Dartmoor, Wellington 2015, 2. Auflage 2018
Michell, John: Heiliges England – Reiseführer zu den mythischen Stätten Englands, 2000
PASCAL ZIELKE
Infos über geomantische Reisen auf www.fortunamundi.de
Bilder Pascal Zielke




